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Rheuma: Ein Name für 400 Krankheiten


Rheuma ist eine Krankheit mit unzähligen Facetten: Rund vierhundert Krankheitsbilder ordnen Mediziner dem Oberbegriff „Rheuma“ zu. Mit Vorurteilen beladen ist das Leiden ebenfalls: Nicht-Betroffene assoziieren bei Rheuma Schmerzen und steife Gelenke, Behinderung, Rollatoren und Immobilität. All das sind Einschränkungen, die dem Idealbild des jung-dynamischen Mitglieds unserer Leistungsgesellschaft zuwiderlaufen. „Deswegen verschweigen viele Menschen ihre Krankheit am Arbeitsplatz und nehmen Urlaub, wenn ein ärztlicher Eingriff notwendig wird“, weiß Dieter Borgmann von der Rheuma-Liga Niedersachsen, einer Landesorganisation der Rheuma-Liga, der mit 280 000 Mitgliedern größten Patientenorganisation der Bundesrepublik.

Rund 20 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter „Rheuma“ in der weitesten Bedeutung des Wortes. Hierzu gehören auch chronische und schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates. So groß die Bandbreite der rheumatisch bedingten Erkrankungen ist, so komplex und unterschiedlich sind deren Symptome und auch ihre Ursachen. Zum Teil handelt es sich um Verschleiß bedingte Erkrankungen wie Arthrose, teilweise auch um Autoimmunprozesse, bei denen sich die körpereigene Abwehr gegen Strukturen des Organismus wendet. Dann droht eine Zerstörung der Gelenke. Es können auch innere Organe betroffen sein. Allen gemein ist die Tatsache, dass die Erkrankung behandlungsbedürftig ist und dass die Betroffenen unter - zum Teil erheblichen -Schmerzen leiden. Zu den bekanntesten Krankheiten des rheumatischen Formenkreises gehören

  • die rheumatoide Arthritis, auch chronische Polyarthritis genannt, ist die häufigste chronische Gelenkentzündung, an der in Deutschland bis zu 800.000 Menschen leiden. Die Krankheit tritt meist in der zweiten Lebenshälfte auf, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Der Krankheitsbeginn ist oft schleichend, kann aber auch plötzlich eintreten und macht sich häufig durch Schmerzen in den kleinen Finger- oder Zehengelenken bemerkbar. Es können auch andere Gelenke betroffen sein. Die Schmerzen resultieren daraus, dass sich die Innenhaut von Gelenken, Sehnenscheiden und Schleimbeuteln entzündet. Die betroffenen Gelenke schwellen an und sind überwärmt, nicht selten auch gerötet. Meist zeigen sich die Symptome morgens nach dem Aufstehen am deutlichsten; Ärzte sprechen von der symptomatische Morgensteife. Noch ist die Krankheit nicht heilbar. Allerdings kann der fortschreitende Entzündungsprozess gestoppt oder verlangsamt werden, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt wird.

    Die Ursachen für die rheumatoide Arthritis sind noch nicht vollständig geklärt. Rheumatologen gehen davon aus; dass Autoimmunprozesse mitverantwortlich sind; dass also das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Auch erbliche Veranlagung und Umwelteinflüsse wie Rauchen werden als Ursachen diskutiert. Wahrscheinlich ist, dass mehrere Faktoren die Entstehung einer rheumatoiden Arthritis begünstigen.

    Erste Symptome können Appetitlosigkeit, leichtes Fieber und Müdigkeit sein. In diesem sehr frühen Stadium ist die Diagnose schwierig. Diese ist möglich, wenn mindestens drei Gelenke länger als sechs Wochen entzündet sind und bei einer Blutuntersuchung der sogenannte Rheumafaktor und andere typische Antikörper nachgewiesen werden.

    Der Verlauf kann sehr unterschiedlich sein. Bei schweren Verläufen drohen Behinderung und Invalidität. Bei der Behandlung kommen nicht nur Medikamente, sondern auch Physio- als auch Ergotherapie sowie physikalische Therapien zum Einsatz.

  • die Arthrose entsteht durch geschädigte Gelenkknorpel: Mit den Jahren nutzen sich die beweglichen Verbindungen zwischen den Knochen ab und die Knorpelschicht, die die Gelenkflächen innen schützt, wird abgerieben. Arthrose ist eine weit verbreitete Gelenkerkrankung, die häufig bei älteren Menschen auftritt und sich hauptsächlich durch Schmerzen äußert. Die Wahrscheinlichkeit für eine Arthrose steigt zwar mit dem Lebensalter an, aber auch junge Menschen können – etwa durch extremen oder einseitigen Sport – daran erkranken. Erste Anzeichen der Arthrose sind Gelenkschmerzen nach Ruhephasen, nach längerer oder einseitiger Belastung. Ärzte sprechen bei diesen Anfangssymptomen von Anlauf-, Belastungs- und Ermüdungsschmerz.

    Wie stark der Verschleiß fortschreitet, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Fehlstellungen, zum Beispiel der Hüften, und Erkrankungen wie Osteoporose oder Gicht können die Schäden an den Gelenken beschleunigen. Auch Bewegungsmangel und Extremsport, Übergewicht und einseitige Belastungen begünstigen die Erkrankung. Vor allem die großen Gelenke von Hüfte, Knie, Schulter und Ellenbogen sind davon betroffen, doch Arthrose kann auch in den Fingern und Händen, Füßen und Zehen auftreten. Arthrose ist zwar nicht heilbar, aber ihre Beschwerden lassen sich gut durch geeignete Maßnahmen und Medikamente lindern.

  • Gicht. Wenn die Gelenke plötzlich heftig schmerzen, kann auch Gicht dahinter stecken. Bei Gicht ist der Harnsäurespiegel im Blut erhöht. Dadurch lagern sich Harnsäurekristalle im Gewebe ab, und vor allem die Gelenke schmerzen schubweise sehr stark. Unbehandelt kann Gicht zu Nierenstein und Nierenversagen führen. Männer trifft die Krankheit weitaus häufiger als Frauen und zwar meist im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Bei Frauen tritt die Krankheit meist erst nach dem Einsetzen der Wechseljahre auf.

    Symptome für den Beginn der Erkrankung sind extrem heftige Schmerzen typischerweise an der großen Zehe, genaugenommen an dem Großzehen-Grundgelenk. Nicht selten sind diese Schmerz-Attacken die Folge eines reichhaltigen Essens oder übermäßigen Alkoholkonsums. Zeigen die Ergebnisse der Blutuntersuchungen einen erhöhten Harnsäurespiegel, ist die Diagnose klar: Gicht.

    Gicht wird häufig als Wohlstandskrankheit bezeichnet, da eine ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht deren Entstehung begünstigen. Eine ausgewogene, fleisch- und alkoholarme Diät, Medikamente und Bewegung helfen, Gichtattacken vorzubeugen und Komplikationen zu vermeiden.

  • Auch Osteoporose ist eine Krankheit des rheumatischen Formenkreises. Osteoporose ist die häufigste Stoffwechselkrankheit des Knochens, an der in Deutschland rund acht Millionen Menschen leiden. Knochen sind nicht massiv, sondern bestehen aus feinsten Filamenten und Querverstrebungen, die wie die Träger eines Wolkenkratzers hohe Stabilität bei geringem Gewicht ermöglichen. Diese komplexe Struktur wird vom Körper unablässig umgebaut und an die Belastungssituation angepasst. Überwiegen dabei die Abbauprozesse, entsteht Osteoporose: Die Belastungsfähigkeit des Knochens geht stark zurück und bei fortschreitender Erkrankung werden die Knochen brüchig. Bemerkbar macht sich die Krankheit durch einen Rückgang der Körpergröße und starke Rückenschmerzen. Frauen nach den Wechseljahren sind am häufigsten betroffen, weil die Eierstöcke nach dem Ende der Gebärfähigkeit erheblich weniger Östrogen produzieren. Das Hormon sorgt unter anderem für die Erhaltung der Knochenmasse. Die frühe Diagnose, etwa durch eine Knochendichtemessung, Computertomographie oder Ultraschall-Untersuchung ist entscheidend für eine erfolgreiche Osteoporose-Therapie. Um die Knochen zu stärken, helfen Kalzium, Vitamin D und Vitamin K. Auch körperliche Bewegung ist wichtig, weil Muskelbewegungen das Knochenwachstum anregen.

Mediziner rechnen rund 400 Krankheiten dem rheumatischen Formenkreis zu. Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis (der Gelenkentzündung bei Schuppenflechte) und Morbus Crohn gehören ebenso dazu wie die weniger bekannten wie Lupus erythematodes, Sklerodermie, das Sjögren-Syndrom und Polymyalgia rheumatica. Beratung und Hilfe finden Interessierte und Betroffen bei der Rheuma-Liga e.V. oder einer ihrer Landesorganisationen.

Hier geht es zur Website des Rheuma-Liga Bundesverbandes e.V. : https://www.rheuma-liga.de

Hier geht es zu den Landesverbänden der Rheuma-Liga e.V.: https://www.rheuma-liga.de/landesverbaende/


Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V.
Maximilianstraße 14
53111 Bonn
Tel. +49(0)228 - 76 60 60
Fax +49(0)228 - 76 60 620
bv@rheuma-liga.de

oder

Rheuma-Liga Niedersachsen e. V.
Rotermundstr. 11
30165 Hannover
Telefon: 0511/133 74
info@rheuma-liga-nds.de


Interview mit Dieter Borgmann, Rheuma-Liga Niedersachsen e.V.

Dieter BorgmannDieter Borgmann, 1956 in Versmold geboren, lebt seit seinem 16. Lebensjahr mit rheumatoider Arthritis. Seit 1998 ist er als Diplom Sozialarbeiter / Diplom Sozialpädagoge (FH) bei der Rheuma-Liga Niedersachsen e. V. tätig. Dort berät er rheumakranke Menschen bei Fragen zu medizinischer und beruflicher Rehabilitation, Schwerbehinderung sowie bei weiteren Fragestellungen. Er arbeitet ehrenamtlich als Patientenvertreter bei der Kassenärztlichen Vereinigung, Bezirksstelle Osnabrück, als Patientenvertreter bei der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft und bei der Projektgeschäftsstelle Qualitätssicherung. Zudem ist er Mitglied im Niedersächsischen Inklusionsrat für Menschen mit Behinderungen.

Herr Borgmann, als sie 16 Jahre alt waren, wurde bei Ihnen chronische Polyarthritis diagnostiziert. Wie war das damals bei Ihnen?

Die chronische Polyarthritis – heute ist die Bezeichnung Rheumatoide Arthritis geläufiger - kommt oftmals über Nacht. Dann sind am Morgen die Beschwerden, etwa Unbeweglichkeit beim Aufwachen – Ärzte nennen das Morgensteifigkeit, Schmerzen und geschwollenen Gelenke besonders ausgeprägt. Besonders tückisch wird es, wenn die Symptome im Laufe des Tages wieder zurückgehen und der Krankheitsverlauf schubweise verläuft. Das bedeutet, dass sich beschwerdearme Tage mit beschwerdefreien Tagen abwechseln, oder dass sich der sogenannte Rheumafaktor nicht im Blut nachweisen lässt. In der Regel lässt sich die chronische Polyarthritis / rheumatoide Arthritis heute recht schnell diagnostizieren. So war es auch in meinem Fall.


Die Diagnose ist ja nur der erste Schritt – wie geht es dann weiter?

Für die Erkrankten ist es mit der Diagnosestellung sehr schwer zu verstehen, dass die rheumatoide Arthritis eine Autoimmunstörung mit noch ungeklärter Ursache ist. Es ist auch sehr schwer zu akzeptieren, dass Rheuma eine bislang unheilbare Krankheit ist. Dann beginnt die Suche nach einer „guten“ ärztlichen Behandlung. Heute gibt es dafür die Begriffe „Case Management oder Disease Management“. Fachlich sind meines Erachtens alle Rheumatologen gut ausgebildet. Für mich wird die Suche nach einem „guten“ Hausarzt oder einem „guten“ Rheumatologen auch dadurch bestimmt, ob ich mich verstanden und ernst genommen fühle und ich meine Ängste und Sorgen anbringen kann.


Welchen Einfluss hatte die Krankheit damals auf Ihre persönliche Lebensgestaltung?

Ich wollte damals zur See fahren und eine technische Ausbildung absolvieren. Diesen Berufswunsch konnte ich nicht Wirklichkeit werden lassen. Dann folgte aus lauter Verzweiflung der Besuch der Höheren Handelsschule. Diese habe ich dann sechs Monate vor der Abschlussprüfung abgebrochen. Und mir dreht sich heute noch der Magen, wenn ich an Buchführung oder Betriebswirtschaft denke. Dann bin ich vor dem Hintergrund keine Perspektive zu haben, in ein tiefes Loch gefallen. Es gab 1982 nichts – keine Patientenschulungsprogramme, keine Selbstmanagementkurse, keine Krankheitsinformationen. Die Rheuma-Liga war gerade im Aufbau.

Wie haben Sie es geschafft, wieder Mut zum Weitermachen zu gewinnen?

Nach den ganzen Gelenkoperationen musste ich laufen lernen und mich mit der Frage auseinandersetzen, wie möchte ich mit „Pflegebedürftigkeit“ leben? Das Studium der Sozialarbeit / Sozialpädagogik diente eigentlich dazu, mich zu qualifizieren und mich in der Behindertenbewegung zu engagieren. Denn die Themen „Menschenrechte, Selbstbestimmung, Selbsthilfe, Peer Support, Empowerment, Einbeziehung in das Leben der Gemeinschaft“ hatten und haben einen zentralen Stellenwert für mich. Und so bin ich damals über die Menschenrechtspolitik zu meiner Berufswahl gekommen. Denn ich möchte es eigentlich gar nicht zulassen, dass die Erkrankung Einfluss auf meine Lebensgestaltung nimmt – obwohl meine Lebensgestaltung durch meine Erkrankung bzw. durch meine Behinderung mitbestimmt wird.


Können Sie mir hierzu Beispiele nennen?

Klar: Wenn ich als Rollstuhlfahrer fliege, bekomme ich im Flugzeug einen Platz in den hintersten Sitzreihen, bei einem möglichen Untergang einer Fähre werde ich mit „mit der Fähre untergehen“ und bei einem Feueralarm im 5. Stock eines Bürogebäudes werden plötzlich alle Aufzüge außer Betrieb seien. Während alle anderen das Gebäude über eine Treppe verlassen können, werde ich auf die Feuerwehr warten müssen. Aber dadurch lasse ich mich nicht in meiner Lebensgestaltung beeinflussen, sondern es ist für mich eine Herausforderung, Verbesserungen zu erreichen.


Mit 26 Jahren wurden Sie Mitglied der Rheuma-Liga Niedersachsen. Was hat Sie dazu bewogen?

Wenn ich ehrlich bin, war es Thema „Reisen“ und ich wurde in den Vorstand des Landesverbandes der Rheuma-Liga Niedersachsen e. v. gezogen. Aber der Reihe nach: In einer Rheumaklinik lernte ich die Ehefrau des damaligen Chefredakteurs der Mitgliederzeitschrift „Mobil“ kennen. Mich hat es fasziniert, dass Reisen mit Behinderung möglich war. Das wollte ich auch und habe eine Mitgliedserklärung unterschrieben. So einfach war das.

Konnten Sie denn dann Ihre Reise-Pläne umsetzen?

In gewisser Weise ja. Denn die ersten Zielorte waren die Reisen zu Wochenendtreffen der Gruppe „Junge Rheumatiker“ und plötzlich war ich in Niedersachsen der Sprecher der „jungen Rheumatiker“. Ich habe damals die Kompetenz der Rheuma-Liga Niedersachsen e. V. kennen und schätzen gelernt. Die Kompetenz bestand und besteht heute noch darin, aussagekräftige Hilfe und Informationen zur Erkrankung und Kontakt zu „Mit-Betroffenen“ zu bekommen. Das ist es, was wir unter Selbsthilfe verstehen.


Seit 1998 arbeiten Sie als Diplomsozialarbeiter bei der Rheuma-Liga Niedersachsen. Was sind hier Ihre Tätigkeitsschwerpunkte?

Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich eine reine Wegweiserfunktion erfüllt, was beutet, dass ich unsere Mitglieder dahingehend beraten habe, wie und wo sie beispielweise ihren Schwerbehindertenausweis oder ihre Rehabilitationsmaßnahme beantragen können und ich war ihnen beim Ausfüllen des Antrages behilflich. Mittlerweile beantragen unsere Mitglieder ihren Schwerbehindertenausweis, ihre Rehabilitation oder ihr Hilfsmittel heute in der Regel ohne meine Hilfe. Heute ist es so, dass ich dann gerufen werde, wenn unsere Mitglieder eine Leistung nicht bewilligt bekommen haben.


Was heißt das?

Ich werde z. B. um Hilfe gebeten, wenn ein Rehabilitationsantrag – also eine Kur - abgelehnt wird. Dann schau ich mir alle ärztlichen Befundberichte an, um mir einen Überblick über den Gesundheitszustand zu verschaffen und versuche den Sachverhalt dem jeweiligen Sozialgesetz zuzuordnen. Das heißt, ich beantworte mir die Frage, wer ist zuständig. Ist der Rentenversicherungsträger für eine “Kur“ mein Ansprechpartner, dann gilt es zu schauen, ob alle ärztlichen Befundberichte dem Antrag beigefügt worden oder gibt es noch aussagekräftige Berichte bei einem Facharzt. Habe ich den Eindruck, dass eine Krankenhausbehandlung besser geeignet ist, dann ist die Krankenversicherung zuständig und meine Aufgabe besteht darin, in Absprache mit dem Mitglied Kontakt zu den behandelnden Arzt aufzunehmen und diesen zu bitten, eine Krankenhauseinweisung für eine rheumatologische Fachklinik auszustellen.

Sie leben mit „persönlicher Assistenz“ – was bedeutet das?

Persönliche Assistenz bedeutet, dass man die Finanz-, die Personal-, die Anleitungs-, Orts- und Organisationskompentenz innehat. Es ist für mich die höchste Stufe der Inklusion und bedeutet, dass ich meine Hilfe (Assistenz) selber organisiere. Ich bin Arbeitgeber meiner Assistenzkräfte und bestimme den Aufgabenbereich und den Ort ihrer Tätigkeit. Das bedeutet, wenn ich ein Wochenende in Berlin bin, hat einer meiner Assistenzgeber mit nach Berlin zu fahren und wenn ich 14 Tage in Norwegen oder Frankreich bin, hat einer Dienst in Norwegen oder Frankreich zu machen.

Das hört sich sehr anspruchsvoll an - wie funktioniert das konkret?

Ich habe ein persönliches monatliches Assistenzstundenkontigent von 573 Stunden – das sind 17 Stunden pro Tag - zur Verfügung. Diese 573 Stunden werden von acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgefüllt. Somit habe ich – wie jeder andere Arbeitgeber auch – alle Arbeitnehmerrechte zu beachten, die Gehalts-und Lohnabrechnungen zu erstellen, sicherzustellen dass die Lohnnebenkosten und Steuern rechtzeitig abgeführt werden und alles zu dokumentieren, denn es kann jederzeit eine Betriebsprüfung angekündigt werden. Menschen, die mit persönlicher Assistenz nach dem sogenannten Arbeitgebermodell leben, sind in der Regel gut qualifiziert und mobil.

Das setzt aber eine gehörige Portion Steuer- und Personalrechts-Know-how voraus...

..ja, das ganze Modell funktioniert auch nur, weil ich von Steuerberatern, Juristen und Beratungsstellen unterstützt werde. Möglich wird ein Leben mit „persönlicher Assistenz“, weil das Sozialhilfegesetz den Vorrang der ambulanten Hilfen vor den stationären Hilfen vorschreibt. Die Konsequenz daraus ist, dass ich nach den gesetzlichen Grundlagen der Sozialhilfe lebe.

Was raten Sie Menschen, die neu an einem rheumatischen Leiden erkrankt sind? Was sind die wichtigsten Schritte für Neuerkrankte?

Ich sehe viele rheumakranke Menschen, die sich Hilfe und Unterstützung über Online-Selbsthilfegruppen suchen. Mir erscheinen sie sehr „depressiv“. Sie strahlen häufig keine Lebensfreude aus. Für mich ist es wichtig, den Kontakt zur Selbsthilfe zu suchen und wenn ich möchte, über meine Erkrankung zu sprechen. Durch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen kann ich von anderen Teilnehmern lernen, mein Leben mit der Erkrankung zu gestalten und neuen Lebensmut zu gewinnen. Darüber hinaus bietet die Rheuma-Liga auch Funktionstrainings- oder Rehasportgruppen, an denen ich teilnehmen kann, ohne immer über die Krankheit zu sprechen.

Ich glaube es ist natürlich, dass man nach der Diagnose unglücklich ist und in ein Loch fällt. Wichtig ist es aber, den Mut und die Zuversicht zu finden mit der Krankheit selbstbestimmt leben zu können. Dafür bietet die Rheuma-Liga auf jeden Fall Hilfe an.

Interview an Dr. med. Holger Marguc, Münster zum Thema:

Rheuma als Konfliktthema der Seele. Die homöopathische Behandlung und ihre Grenzen.


Dr MargucHerr Dr. Marguc, Sie haben eine schulmedizinische Ausbildung abgeschlossen und behandeln sowohl schulmedizinisch als auch homöopathisch. Wie passt das zusammen?

Schon Samuel Hahnemann kritisierte den zur Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert bestehenden Ansatz der damaligen universitären Medizin, Krankheitsbeschwerden einfach nur zu unterdrücken und dies als Heilung zu bezeichnen. In der Homöopathie steht tatsächlich die Heilung des Patienten im Vordergrund. Dabei ist die Krankheitsbezeichnung unwichtig. Der Homöopath sammelt die Beschwerden in einem ausgedehnten Interview, der so genannten Anamnese und vergleicht die gefundenen Symptome mit denen einer historisch gewachsenen Sammlung, dem Repertorium. Hieraus ergibt sich das Basismittel, auch Konstitutionsmittel genannt. Zwar haben sich im Verlauf der Zeit auch spezifische Mittel ergeben, die bei bestimmten Beschwerden gegeben werden können, für die klassische Homöopathie nach Hahnemann ist es allerdings wichtig, genau nachzusehen. Gemäß der Anweisung Samuel Hahnemanns: "Tut es mir nach - aber tut es mir genau nach".

Was bedeutet das für die Therapie?

Der Unterschied zur Schulmedizinischen Therapie liegt darin, dass der schulmedizinische Arzt ein Medikament verordnet, das der Krankheitsdiagnose entspricht. Der Homöopath sucht das Arzneimittel entsprechend den individuellen Krankheitssymptomen des Patienten. So kommt es, dass die meisten schulmedizinisch behandelten Patienten bei entsprechender Diagnose das gleiche Medikament erhalten, während in der Homöopathie bei der gleichen Diagnose unterschiedliche Mittel zum Einsatz kommen.

Wieso bezeichnen Sie Rheuma als Konfliktthema der Seele?

Im Verlauf meiner Arbeit hat sich gezeigt, dass jeder Mensch sein individuelles "Thema" trägt. Dieses kann sich in bestimmten Erlebnissen äußern, in der Wiederholung von Erlebnissen und Begebenheiten, z.B. Unfällen oder auch - wenn diese Begebenheiten nicht gedeutet und die Grundlagen aufgelöst werden - als Krankheit. Krankheit zu deuten ist eine feste Basis meiner Tätigkeit. Dem Patienten wird dadurch der Zugang zur Erkrankung erleichtert und ein guter Ausgangspunkt für die Linderung oder Beseitigung seiner Beschwerden gegeben.

Wie muss man sich dann eine homöopathische Rheumatherapie vorstellen?

Eine homöopathische Anamnese verläuft immer gleich ausführlich, immer nach den Vorgaben Samuel Hahnemanns. Im Gegensatz zur universitären Medizin, in der sich das Vorgehen etwa alle fünf Jahre ändert, besteht die Homöopathie schon seit mehr als 200 Jahren als erprobtes System, in das das Heilwissen von Generationen von Homöopathen eingeflossen ist. Ich orientiere mich bei der Wahl der homöopathischen Potenzen am letzten Lehrwerk Hahnemanns, dem Organon in der 6. Auflage. Hier stellte Hahnemann homöopathische Mittelzubereitungen vor, die bei schwer chronisch erkrankten Menschen ohne größere Nebenwirkungen anwendbar sind. Dies sind die so genannten Q - Potenzen. Die Arbeit mit diesen starken Verdünnungen ist zwar sehr zeitaufwendig und stellt hohe Ansprüche an den Patienten wie an den Therapeuten, die Ergebnisse sind allerdings äußerst zufriedenstellend.

Lässt sich denn beides tatsächlich miteinander verbinden?

Schulmedizin und Homöopathie sind zwar völlig unterschiedliche therapeutische Ansätze, lassen sich aber sehr gut miteinander verbinden. Voraussetzung hierfür ist, nicht dogmatisch in einem System verhaftet zu sein. Es kommt nur darauf an, äußerst gewissenhaft zu arbeiten, sein Wissen um die so genannte Materia medica, das ist die Sammlung der Heilwirkung eines homöopathischen Mittels, ständig zu verbessern und für den Menschen offen zu bleiben. Eine schulmedizinische akademische Ausbildung erleichtert es, die Grenzen der eigenen Handlung zu erkennen. Schulmedizin an sich ist ja durchaus eine Bereicherung, aber eben nicht der "Nabel der Welt", um den sich alles dreht.

Wie findet man einen seriösen Homöopathen – muss dieser unbedingt auch Arzt sein?

Ich würde nicht sagen, dass es "seriöse" und "unseriöse" Homöopathen gibt. Aber es gibt Homöopathen mit fundiertem und mit weniger fundiertem Hintergrundwissen. Diese können auch Heilpraktiker sein, eine ärztliche Ausbildung ist hierfür nicht Voraussetzung. Eine gute Möglichkeit, einen ärztlichen Homöopathen zu finden, der gut ist, ist das Diplom der Deutschen Gesellschaft Homöopathischer Ärzte. Es setzt eine lange Erfahrung voraus, und die Prüfungen werden durch einen ärztlichen Prüfer und einen Beisitzer der Gesellschaft durchgeführt. Ich selbst strebe dieses Diplom an, aber letztlich sind es der persönliche Eindruck und die Übereinstimmung von Homöopath und Patient, die ein gutes Arbeitsverhältnis erfolgreich machen.

Werden die homöopathischen Mittel von den Krankenkassen übernommen?

Homöopahtische Mittel werden von den meisten gesetzlichen Krankenkassen bis zu einem gewissen - von Kasse zu Kasse unterschiedlichen - Betrag übernommen. Bei Privatkassen kann das von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Die Kosten für die homöopathischen Mittel sind aber eher gering, da in der Klassischen Homöopathie mit Einzelmittelgaben gearbeitet wird. Lediglich die Arbeit mit Q-Potenzen erfordert einen leicht erhöhten Materialbedarf. Die jeweilige Potenz wird über 14 Tage täglich eingenommen, sodass ca. 20 Euro pro Mittel entstehen. Das Honorar des Homöopathen richtet sich nach bestimmten Gebührenziffern oder ist individuell verhandelbar. Wenn die Übernahme der Kosten durch eine Krankenkasse angestrebt wird, sollte auf jeden Fall vorher angefragt werden. Auf jeden Fall sollte klar sein, dass für gute Arbeit, die vor dem Hintergrund von jahrelangem Studium und unter maximalem Zeitaufwand durchgeführt wird, auch ein reelles Honorar stehen muss.

Wie verhält es sich mit den Neben- oder Wechselwirkungen bei homöopathischen Mitteln gerade in Verbindung mit konventionellen Arzneimitteln?

Ziel homöopathischer Arbeit ist es, soweit wie nur eben möglich auf Medikamente verzichten zu können. Wechsel- und Nebenwirkungen müssen streng kontrolliert werden. Dafür müssen sie aber auch bekannt sein. Die meisten Wechselwirkungen ergeben sich aus dem Erfolg der homöopathischen Behandlung, wenn der Patient in einen Zustand kommt, in dem die Medikamente Zeichen der Überdosierung zeigen. Hier ist ein enger Austausch zwischen Homöopathen und Schulmedizinern nötig.

Ist eine ausschließliche Behandlung mit homöopathischen Arzneimitteln denkbar?

Eine ausschließliche Behandlung mit homöopathischen Medikamenten ist nicht nur denkbar, sondern auch Ziel der Heilbehandlung. Bei fortgeschrittenen Krankheiten kann das nicht immer vollständig erreicht werden. Wir können keine Gewebezerstörung wiederherstellen. Häufig ist es auch notwendig, bestimmte unterstützende und entgiftende Naturstoffe begleitend zu verschreiben. Auch Samuel Hahnemann hat mit solchen Mitteln sehr erfolgreich gearbeitet. Immer aber sind die Mitarbeit und die Selbstbeobachtung des Patienten gefordert. In keiner Heilarbeit sind die Eigenverantwortung und die Bereitschaft zur Selbstbeobachtung so sehr hilfreich wie in der Homöopathie.

Empfehlen Sie also jedem Rheumatiker zu einer homöopathischen Behandlung?

In meiner Praxis behandele ich nicht ausschließlich Patienten mit Krankheiten aus dem rheumatischen Formenkreis. Nach meiner Erfahrung ist die homöopathische Behandlung – auch als Begleitbehandlung – bei allen chronischen Erkrankungen sinnvoll. Immer tritt eine Besserung des Allgemeinbefindens auf, meist können Medikamente reduziert werden. Je früher die Behandlung einsetzt, desto besser ist deren Wirkung. Es ist, wie ich an früherer Stelle schon gesagt habe, mittels Homöopathie sehr wohl möglich, Beschwerden zu lindern und auch Krankheiten zu heilen: zerstörte Gewebe können jedoch nicht wiederhergestellt werden.

Infokasten Homöopathie

Die Homöopathie beruht unter anderem auf dem Ähnlichkeitsgedanken: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.“ Zur Heilung eines kranken Menschen setzen Homöopathen nämlich diejenigen Mittel ein, die beim Gesunden ähnliche Symptome hervorbringen. Ein Beispiel: Ein Mittel, das bei Gesunden Fieber verursacht, kann in stark verdünnter Form gegen Fieber eingesetzt werden. Die Behandlung ist eine Reiz- und Regulationstherapie.

Wichtig ist: Der Homöopath betrachtet nicht „den Schnupfen“ oder „die Gelenkschmerzen“, sondern den kranken Mensch in seiner Gesamtheit. In diesem Zusammenhang sprechen Homöopathen von der Konstitution des Menschen und bezeichnen damit die Summe alle seiner körperlichen, geistigen und seelischen Anlagen. Zur Konstitution zählen auch Reaktionsweisen und Vorlieben, Empfindungen und Stimmungen.

Homöopathische Arzneimittel sind in Form von Milchzuckerkügelchen, den sogenannten Globuli, Tabletten, Tropfen, Salben und Injektionslösungen erhältlich. Ihre Ausgangssubstanzen sind: Pflanzliche, tierische, organische, mineralische sowie anorganische Ausgangsstoffe. Alle Homöopathika werden nach den gesetzlichen Regelungen des amtlichen Homöopathischen Arzneibuchs (HAB 1) hergestellt.

Für die Zubereitung der Arznei wird aus dem jeweiligen Ausgangsstoff entweder durch Auspressen eine so genannte Urtinktur oder durch Verreiben die Ursubstanz hergestellt. Dieser Rohstoff wird danach mit einer Trägersubstanz (Alkohol oder Milchzucker) vermischt und stark verdünnt (potenziert).

Essenzen, Tinkturen und Lösungen werden in ihrer Grundform als Urtinkturen bezeichnet. Die festen Stoffe, die auf Verreibung beruhen, heißen Ursubstanz. Die Stärke der Arzneiformen wird in Potenzen angegeben.

Die Stärke der Potenzierung ist auf der Arznei angegeben:

D = Dezimal-Potenzen 1: 10

C = Centimal-Potenzen 1 : 100

LM = Quinquagintamillesimal-Potenzen 1: 50 000

Ein Mittel wirkt umso stärker, je stärker verdünnt es ist. Bei Dezimal- oder D-Potenzen wird der Ausgangsstoff im Verhältnis 1:10 mit Wasser gemischt, bei Centesimal- oder C-Potenzen im Verhältnis 1:100. Ein Arzneimittel der Potenz D12 wurde also zwölfmal im Verhältnis 1:10 verdünnt.

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